Komfortzone Wachsen Mount Everest

»Jeder hat seinen Mount Everest«

Davon ist Peter Habeler, die Bergsteigerlegende Österreichs, überzeugt. Er meint damit, dass in jedem etwas Starkes wohnt. Der Everest steht für die Fähigkeit und das Wagnis, die persönliche Komfortzone zu verlassen und über sich hinauszuwachsen. Er steht für den Wunsch, Ziele zu verfolgen, die über das Klein-Klein des Alltags hinausreichen. Für Visionen und Werte, die unserem Hier und Jetzt Richtung und ‚drive‘ geben.  

Obwohl das Bild vom Mount Everest für mich als eine Frau, die am Meer aufgewachsen ist, nicht unmittelbar naheliegt, trifft es etwas Zentrales: Ich möchte das, was ich aus mir und meinem Leben mache, zufrieden bejahen können. Umgekehrt hinterlässt es einen schalen Nachgeschmack, wenn ich den Eindruck habe: Ich werde mehr gelebt als dass ich lebe.

Dass wir unseren Alltag als passend erfahren und dankbar bejahen können: Um dorthin zu gelangen, spielt die Sehnsucht eine wichtige Rolle. Unsere Sehnsucht gleicht einem inneren Navi, das uns anzeigt, was uns wichtig ist. Worauf es uns ankommt. Wenn wir eine Vorstellung von dem entwickeln, was wir mit unserem Leben anfangen wollen, dann haben wir etwas vor Augen, das unser Leben sammelt und bündelt. Dann wissen wir, warum wir tun, was wir tun.

Eingeschnürt in die Zwangsjacke des Naheliegenden

Doch leider ist es nicht selbstverständlich, dass wir mit unseren tiefen Wünschen im Kontakt stehen. Diese können nämlich im Alltagsbetrieb und in der Fülle des Konsums schnell untergehen. Eingeschnürt in die Zwangsjacke des Naheliegenden verlieren wir den Draht zu dem, was uns viel bedeutet. Und dazu kommt: Oft setzen Menschen ihre Sehnsucht nicht um aus Angst, Erwartungen anderer zu enttäuschen. Lieber freundlich lächeln und weitermachen wie bisher, anstatt Leute total vor den Kopf zu stoßen.

Wer aber seine tiefen Wünsche nicht mehr spürt, verliert inneren Antrieb und Orientierung. Er gleicht jenem Adler, der in einem Hühnerhof großgezogen wird und nicht weiß, dass er ein Adler ist. Er hüpft herum wie das Federvieh, um Körner zu picken, und flattert allenfalls einen Flügelschlag weit. Doch eines Tages wird dem Adler der Blick in den freien Himmel ermöglicht. Da bricht sich seine verschüttete Sehnsucht nach Weite wieder Bahn. Er schwingt sich auf und fliegt in den offenen Horizont hinein.

Wer den Mut hat, sich durch Erlebnisse erschüttern und so neuen Wind in sein Leben bringen zu lassen, in dem entfacht sich das Feuer der Sehnsucht aufs Neue. Und wer den Mut hat, Stille auszuhalten, wird die innere Stimme in neuer Klarheit vernehmen.

Die Stille ist der Ort, an dem sich das Herz traut zu sagen, was uns der Verstand vielleicht schon seit langem auszureden versucht.

Auf Spurensuche nach dem persönlichen Sinn

Was ist mein Traum, dem ich im Leben folgen will? Worauf kommt es mir an? – Um der Kraft der Sehnsucht (mehr) Raum zu geben, kann es helfen, auf das eigene Leben zurückzuschauen und darüber nachzudenken: Was waren für mich gelungene Momente? Wann fühlte ich mich so richtig glücklich? Ebenso können imaginative Fragen den Blick schärfen wie:

Angenommen, ich hätte zwei Leben zur Verfügung – wie würde mein zweites Leben aussehen?

Es beeindruckt immer wieder, wenn Menschen ihren Mount Everest entdecken. Wenn sie erkennen und entwickeln, wofür sie leben wollen. Eine ungeahnte Begeisterung und Freude zieht in ihr Leben ein.

Du bist gefragt!

Wo dein Mount Everest liegt, oder anders gesagt: Worauf es Dir wirklich wirklich ankommt, das kannst Du nur selbst entdecken und entfalten. Denn die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens lässt sich nur persönlich beantworten! Du bist gefragt!

Zugleich lassen sich belebende und sinnerfüllte Situationen beschreiben: Ein Augenblick fühlt sich prall und gut an, wenn wir in einer Tätigkeit aufgehen, die unserem Können entspricht (davon lebt der sogenannte Flow). Und unser Tag gewinnt an Lebendigkeit und Farbe, wenn wir uns für andere öffnen. Wenn wir einen Draht zu ihnen bekommen jenseits des Kalküls, was uns diese Begegnung bringt.

In uns Menschen steckt also nicht nur jener hartnäckige Egoismus, der uns um uns selbst kreisen lässt – eine ichbezogene Haltung, die auf Dauer eine ziemlich einsame Angelegenheit und darüber hinaus sterbenslangweilig wird. Vielmehr sehnen wir uns auch nach tiefer Hingabe, und wir sind fähig dazu. In selbstvergessenen Momenten gehen wir aus uns selbst heraus und erfahren:

Ich bin hin und weg – und darin ganz da. Ein Augenblick puren Glücks.

Michael Ende erzählt in seinem Buch „Die unendliche Geschichte“ von dem Jungen Bastian Balthasar Bux, der immer tiefer in das Land seiner Träume und Wünsche vordringt. Am Ende seiner Reise findet er seinen „Mount Everest“: Es ist der Wunsch, sich lieben lassen und selbst lieben zu können.

Hier geht es zur Podcast-Folge 17: Gib deinem SINN ein LEBEN

Buchcover Freunde fürs Leben. Von der Kunst mit sich selbst befreundet zu sein.

Lesetipp:

Wenn wir Freundschaft mit uns selbst schließen, befreien wir uns vom Druck, uns ständig optimieren zu müssen. Dann können wir unsere Stärken ins Spiel bringen und uns Fehler und Schwächen eingestehen, ohne uns dabei schlecht zu fühlen.

In der Freundschaft mit sich selbst liegt ein entscheidender Schlüssel zum Glück. Denn schließlich sind wir selbst der Mensch, mit dem wir rund um die Uhr zusammenleben.

Dieses Journal ist ein Auszug aus meinem Buch „Freunde fürs Leben. Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein, Adeo Verlag 7. Auflage 2021, 197–200
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