Über einen Umgang mit Schwäche und Leid, der dich zurück ins Leben bringt
Wir leben in krassen Zeiten, und auf vieles weiß ich keine Antwort. In einer 800 Jahre alten Erzählung habe ich eine wegweisende Frage entdeckt, welche vor zwei Straßengräben bewahrt: wegzuschauen, sich abzuschotten und innerlich zu verhärten – oder die Gefahr, aufgerieben zu werden.
Wir leben gesellschaftlich und global in krassen Zeiten! Und dann kommen oft noch persönliche Herausforderungen hinzu. Viele fühlen sich ratlos und überfordert – und ganz ehrlich, auch mir geht es so: Ich weiß auf viele Entwicklungen und auch auf persönliche Erlebnisse oft keine Antwort.
Was also tun? Ich glaube, es gibt zwei Straßengräben: wegschauen, sich abschotten und innerlich verhärten – oder die Gefahr, aufgerieben zu werden. Doch mit beidem wäre keine Krise gelöst. Wie also können wir berührbar bleiben, ohne zu zerbrechen? Wie können wir sensibel sein und handlungsfähig?
In einer 800 Jahre alten Erzählung fand ich einen Hinweis. In der Podcastfolge „Ganz schön mutig: Krisen annehmen, statt sie zu bekämpfen“, in der Tim Niedernolte und ich über diese Fragen nachdenken, erzähle ich diese Geschichte aus der Gralssage:
Vor dem kranken König
Auf seiner Suche nach dem heiligen Gral wurde Parzival zu einem Festmahl in die Burg des König Anfortas eingeladen. Auf dem Bett lag der Burgherr, der an einer schmerzenden Wunde litt, die einfach nicht heilen wollte. Aber niemand der Anwesenden sprach ihn auf sein Elend an.
Auch Parzival tat so, als ob er die stinkende Wunde nicht wahrnehmen würde und alles in bester Ordnung sei. Nach vielen Jahren kam er erneut zum König Anfortas, der sich in einem noch elenderen Zustand befand. Parzival ging auf ihn zu, kniete vor ihm nieder und fragte: „Oheim, sag, was quält dich so?“ Diese mitfühlende Frage wirkte wie ein Wunder: Die Wangen des Königs gewannen ihre Farbe zurück und er war genesen.
Fragen, die ermutigen – und die Welt verändern
Bereits vor über 800 Jahren niedergeschrieben bleibt die geschilderte Situation aktuell: Auch heute werden schweres Leid oder eine bedrohliche Lage oft nicht offen angesprochen. Statt dessen machen Menschen einfach so weiter, als läge nichts im Argen.
„Was quält dich? Was fühlst du angesichts der Situation, in die du geraten bist?“ Oder auch: „Was bedrückt dich, wenn du in unserer Welt schaust?“– Solche Fragen ermutigen, in sich hineinzuhorchen und die eigenen Sorgen und Ängste auszudrücken.
Und genau darin liegt der erste, entscheidende Schritt: Dass wir uns ehrlich auf die innere Not einer Krise einlassen. Denn um aus dem Schlamassel herauszukommen, müssen wir uns erst einmal eingestehen, dass wir drin sind! Und damit verbunden: Dass wir miteinander darüber sprechen, was geschieht – nicht, um uns sinnlos zu empören, sondern um hilfreiche Antworten zu finden.
Denn: Die Zukunft ist nicht festgeschrieben. Sie liegt auch in unseren Händen. Und daher kommt es auf jede und jeden von uns an.
Diesen Mut zu einem ehrlichen Realismus und offenem Gespräch und das Zutrauen, dass es auf jede und jeden ankommt, das wünsche ich Dir und uns allen.
Foto © Olga Zhogina/iStock

Lesetipp:
Zuversicht ist eine innere Kraft, die vieles zum Positiven verändern kann. Mit ihrer Hilfe können wir in schwierigen oder scheinbar aussichtslosen Situationen neue Perspektiven entdecken. Doch wie gelingt es, angesichts eines persönlichen Schicksalsschlags oder gesellschaftlicher Herausforderungen die Zuversicht zu bewahren?
Dieses Buch geht darauf ein und zeigt, welche Kraft sich entfaltet, wenn man an das Morgen glaubt.


