Niemand hat das Recht zu gehorchen

Niemand hat das Recht zu gehorchen

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“. Dieses Zitat von Hannah Arendt hörte ich vor einigen Tagen in einem Vortrag. Seitdem beschäftigt mich dieser widerständige Satz, und ich denke: JA und NEIN.

JA: Mitläufer mit gesellschaftlichen oder politischen Trends und Anpassung an Autoritäten gab und gibt es immer. Darin liegt auch heute eine große Gefahr! Hier trifft Hannah Arendt den Nagel auf den Kopf: Niemand hat das Recht, ein falsches, unrechtmäßiges Handeln damit zu begründen, gehorcht zu haben.
Arendt äußert diesen Gedanken im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess. Adolf Eichmann war für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden im Dritten Reich zuständig gewesen. Im Prozess wies es seine Mitschuld an der Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen von sich, indem er darauf abhob, er habe nur gehorcht. Er verwies auf seinen Gehorsam gegenüber seinen Vorgesetzen, um sein Handeln zu rechtfertigen. Doch der bloße Hinweis auf den Gehorsam ist keine Rechtfertigung für das eigene Handeln! Gehorsam als solches ist kein ethischer Wert!

NEIN: Selbstverständlich gibt es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zu gehorchen. Nämlich dem Anspruch des Guten. Der ethische Anspruch gebietet mir beispielsweise, dass ich die Würde eines jeden Menschen respektiere. Dass ich den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht dadurch gefährde, dass ich Korruption decke oder mich bestechen lasse. Dass ich die Basis eines vertrauensvollen Zusammenlebens nicht dadurch gefährde, dass ich die Wahrheit weichspüle oder lüge.

Was steckt hinter dem Arendt-Zitat?
Ich wollte genauer wissen, was hinter dem Arendt-Zitat steckt. Bei meiner Recherche bin ich auf ein Interview mit ihr aus dem Jahr 1964 gestoßen, in dem es um den Eichmann-Prozess geht. Eichmann behauptet in seinem Gerichtsprozess, er habe sein Leben lang die Moralvorschriften Immanuel Kants befolgt. Kants Pflichtbegriff sei seine Richtschnur gewesen und so habe er aus Pflicht den Befehlen seiner Vorgesetzten gehorcht, als er die Vertreibung und Deportation von Millionen von Menschen organisierte. Hannah Arendt erklärt, warum es mit Hilfe von Kant unmöglich ist, sein Gewissen und seine Verantwortung auf einen Vorgesetzten zu übertragen. Und in diesem Zusammenhang fällt der Satz: „Kein Mensch hat bei Kant das Recht zu gehorchen.“

Im Gegenteil, so möchte ich abschließend hinzufügen: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht, Gehorsam aber Verbrechen!“ (ein Satz, der Bertold Brecht zugeschrieben wird, aber eine verkürzte Fassung eines Lehrwortes von Papst Leo XIII. aus dem 19. Jahrhundert ist.)

 

Zum Bild: Der Satz „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“ leuchtet seit Novemver 2017 über dem faschistischen Mussolini-Relief in Bozen.