„Autsch, jetzt ist es zu spät“

Die wahre Gefahr, die hinter „Aufschieberitis“ steckt

Wer sich für eine Möglichkeit entscheidet, scheidet andere aus. Und wer weiß, vielleicht kommt ja noch Besseres daher?! Dann doch lieber die Entscheidung auf die lange Bank schieben... Doch: Wir zahlen für die Aufschieberitis einen hohen Preis! Dies hat ein junger Mann beim Pilgern eindrücklich erfahren.

Jährlich pilgere ich mit jungen Erwachsene durch die umbrischen Berge nach Assisi. Vor einigen Jahren legten wir nach vier strammen Wandertagen einen Ruhetag ein – und zwar in einem malerisch gelegenen Franziskanerkloster. Jede und jeder verbrachte für sich den Tag in Stille. Manche schliefen, andere schrieben Tagebuch oder wanderten. Als die Gruppe abends wieder zusammenkam, erzählte ein Teilnehmer: „Ich bin den Berg hochgegangen, an dessen Hang unser Kloster liegt. Nach etwa einer Stunde kam ich auf eine Wiese mit einem traumhaften Blick in die Ferne. Ich setzte mich hin. Doch schon bald trieb es mich weiter, denn: Vielleicht gibt es weiter oben einen noch schöneren Platz.“ Und so stieg er den Berg weiter hinauf, gelangte an einen neuen Aussichtspunkt, verharrte einen Augenblick, brach erneut auf. Und so fort … Irgendwann war es so spät geworden, dass er im Laufschritt den Berg hinuntereilte, um rechtzeitig zum Abendessen zu kommen.

In dieser kleinen Episode spiegelt sich die weit verbreitete Unfähigkeit wider, sich festzulegen – aus Sorge davor, man könne etwas versäumen. Eine solche Angst kennen wohl die meisten. Etwa: „Wenn ich die Einladung zum Chorwochenende annehme, kann ich den runden Geburtstag nicht mitfeiern.“ „Wenn wir eine eigene Wohnung kaufen, sind große Reisen für viele Jahre passé.“ Oder: „Wenn ich Soziale Arbeit studiere, kann ich Umwelttechnologie an den Nagel hängen. Aber das reizt mich doch auch total!“

 

Angst, etwas zu versäumen

Die inneren Pro- und Contra-Listen wachsen, helfen aber auch nicht wirklich weiter. Denn was bremst, sind in Wahrheit nicht fehlende Argumente, sondern die beunruhigende Erkenntnis: Wenn ich mich für eine Möglichkeit ent‑scheide, scheide ich andere Möglichkeiten aus. Jede Wahl beinhaltet, dass wir zugleich auf andere Optionen verzichten. Und schon meldet sich die Furcht zu Wort, dass wir etwas verpassen und durch unsere Entscheidung das Leben schmälern. Und wer weiß: Vielleicht kommt ja noch was Besseres daher?!

Die Angst vor dem „Möglichkeitsschwund“ führt bei vielen dazu, dass sie Entscheidungen möglichst lange vor sich herschieben. Lieber mehrere Eisen im Feuer haben als eines zu schmieden. Besser sich alle Türen offenhalten, als eine zu durchschreiten.

Zögern

Diagnose: Aufschieberitis

Die Aufschieberitis erfreut sich weiter Verbreitung. Ob sie auch Dir vertraut ist? Sie lebt von der Hoffnung, dass sich die Dinge irgendwie von selbst regeln werden. Doch auch das Aussitzen einer Entscheidung ist eine Entscheidung! Nämlich für den Versuch, Dich vor einem Entschluss zu drücken. So verständlich ein solches Vermeidungsverhalten auch ist, so hoch ist der Preis, den man dafür zahlt.

Erstens gehen wir Risiken ein, wenn wir Entscheidungen ständig in die Zukunft verlagern: Wir können Fristen verpassen, Mahnungen erhalten oder Menschen enttäuschen. Vor allem aber lassen wir auch Möglichkeiten und Chancen ungenutzt an uns vorüberziehen.

Zweitens: Durch das ständige Herauszögern baut sich immer mehr Druck auf. Auf diese Weise manövrieren wir uns irgendwann in eine kopflose Hau-Ruck-Entscheidung hinein, weil am Ende keine Zeit mehr bleibt, um sinnvolle Alternativen abzuwägen. Hals über Kopf müssen wir uns zu etwas entschließen, ohne die anstehende Frage wirklich durchdacht zu haben. Oder – drittens – die Alternativen haben sich inzwischen bereits erledigt und es gibt gar nichts mehr zu entscheiden: Bewerbungsfristen laufen ab; ein geliebter Mensch wartet nicht unbegrenzt auf das erhoffte Ja zur Partnerschaft und auch die Entscheidung für ein Kind lässt sich nicht beliebig lange aufschieben …

Die Aufschieberitis führt oft zu einem gefährlichen Handeldefizit.

Es ist zwar unbequem, aber wahr: Der schlechteste Weg, den man wählen kann, ist der, keinen zu wählen! Nicht Fehlentscheidungen, sondern fehlende Entscheidungen stürzen ins Unglück. Denn wenn nicht wir entscheiden, dann tun andere dies für uns: Menschen mit ihren gutgemeinten Ratschlägen oder Eigeninteressen. Oder es sind die eigenen Launen und Bedürfnisse, die uns vor sich hertreiben. Hinzu kommt: Jede Entscheidung, die wir nicht treffen, höhlt unser Selbstvertrauen und unsere Entschlussfähigkeit ein wenig mehr aus. „Negative Rückkopplung“ nennt man das.

Für den erwähnten Pilger wurde die Bergwanderung zu einer lehrreichen Erfahrung: Vor lauter Sorge davor, den optimalsten Platz zu verpassen, hatte er sich lieber für gar keinen entschieden. Er sah also die Entscheidung als das Problem an. Doch das war falsch! Denn in einer Entscheidung hätte die Lösung gelegen! Dann wäre er nämlich an einem Ort geblieben und hätte die malerische Berglandschaft genießen können.

 

Abenteuer Selbsterkundung

Vielleicht denkst Du beim Lesen „Autsch! Das kenne ich.“ Dann könntest Du dich fragen:

Auch wenn das Motto abgegriffen klingt, stimmt es: „Einsicht ist der erste Weg zur Besserung“. Denn sobald einem die Aufschieberitis bewusst geworden ist, verliert dieser Fluchtmechanismus etwas von seiner Macht. Und wir gewinnen einen Freiraum, um einen guten Entscheidungsprozess in Gang zu setzen.

Wie wir diesen Prozess umsichtig gestalten und einfach gut entscheiden können, darum geht es in meinem neuen Buch „Entscheide dich und lebe! Die Kunst, eine kluge Wahl zu treffen“.

Dieser Text orientiert sich an meinem neuen Buch: Entscheide dich und lebe! Die Kunst, eine kluge Wahl zu treffen, bene! Verlag Oktober 2020, 14–19
Fotos © stocksnapper/photocase.com, © vaitekune/iStock.com

Wolfers Buch Entscheidungen

Entscheide dich und lebe!

Jede Entscheidung ist etwas Besonderes: Sie bestimmt über die eigene Zukunft, über Gefühle und Ängste, über Großes und Kleines. Aber wie trifft man eine gute Entscheidung? Und wie lässt sie sich einüben: die Kunst, eine kluge Wahl zu treffen? Darüber schreibe ich in meinem neuen Buch. Es erscheint Anfang Oktober im bene!-Verlag

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