Ob Washington 2007 oder Wien 2018

Ob Washington 2007 oder Wien 2018

Washington, 12. Januar 2007: Während der morgendlichen Rushhour in einer Metro-Station spielt ein Straßenmusiker auf seiner Geige mehrere Stücke von Johann Sebastian Bach. Zug um Zug fährt in die Station ein und spuckt Menschen aus, die schnellen Schrittes die

Halle durchqueren. Während er spielt, gehen insgesamt 1070 Menschen an ihm vorbei. Sieben Personen halten kurz inne und lauschen der Musik. Am ehesten wollen Kinder stehen bleiben und zuhören, aber sie werden ausnahmslos von ihren Eltern weitergezogen. Nach 43 Minuten „Konzert“ hat der Musiker 32,17 Dollar verdient.
Was die Passanten in Washington nicht wissen: Bei dem Straßenmusiker handelt es sich in Wirklichkeit um Joshua Bell, einen weltberühmten Geiger. Seine Violine, eine Stradivari, ist mehr als drei Millionen Dollar wert. Nur wenige Tage zuvor hatte Bell die gleichen Werke in der ausverkauften Bostoner Konzerthalle gespielt – der Eintrittspreis betrug über 100 Dollar pro Karte.

Da entlockt ein grandioser Musiker seinem Instrument traumhafte Klänge, und kaum jemand bemerkt es. Die Washington Post folgert, dass das moderne Leben unsere Fähigkeit beeinträchtige, Schönes wahrzunehmen. Und fragt: Wenn wir einen der berühmtesten Musiker der Welt übersehen und überhören, was verpassen wir dann sonst noch alles? Und wie steht es um die Fähigkeit, das Leben zu schätzen?

Ich bin ganz Ohr!

Wenn diese Fragen nicht mit einem moralischen Unterton daherkommen, können sie auf Wesentliches aufmerksam machen. Zum einen weisen sie darauf hin: In all der Fülle von Eindrücken, in der wir uns bewegen, umgibt uns immer auch Schönes und Außergewöhnliches. Was unser Leben bereichern und vertiefen kann, ist immer schon da! Zum anderen geben sie zu denken: Welcher Haltungen bedarf es, dass solch bereichernde Augenblicke mitten im normalen Alltag bei mir ankommen können? Was braucht es, damit die Welt zu mir „sprechen“ und ich auf sie eingehen kann? Und umgekehrt: Wodurch wird dieses lebendige Hin und Her beeinträchtigt oder verhindert?

(aus: Melanie Wolfers, Trau dich, es ist dein Leben. Die Kunst, mutig zu sein, bene! Verlag 2018, S. 102 – 104)

Folgende Aufnahme entstand in einer Wiener U-Bahnstation an einem grau-nassen Novembertag.